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Greifbare Information
Es wimmelt von Experten, nicht nur in den Vorzeigeunternehmen und unter den Frischdiplomierten. Hinter einem Bildschirm geborgen, per Mausklick arbeitend, reden, schreiben und publizieren sie augenblicklich, virtuell. Stil oder Schreibkunst ist nicht gefragt, schliesslich wendet man sich an die Gemeinde der Insider, der Meinungsmacher. So kommt es vor, dass sich ein Kunde mit Uhren besser auskennt als der Verkäufer.
Mehr denn je stand das Jahr 2010 im Zeichen der Verständnisinnigkeit zwischen den Uhrenmarken und ihren Endkunden. Einige Spielregeln wurden umgestossen oder zerredet. Das Prinzip der Handelsspannen, die dem Gross- und Einzelhandel von den Marken gewährt werden, wurde zwar nicht grundsätzlich in Frage gestellt, aber mit neuen Forderungen belastet. Zum Beispiel möchten die Marken am liebsten mitbestimmen, wie der Endverkauf zu gestalten sei. Nicht genug damit, dass die Lagerbestände dank entsprechender Bewerbung der Produkte abgebaut werden – die CEOs müssen erreichbar und ansprechbar sein, also besuchen sie die Märkte persönlich und veranstalten Dinners für Sammler oder sonstige exklusive Anlässe. Die grösseren Firmen eröffnen immer mehr eigene Boutiquen. Damit sollen nicht nur neue Einkommensquellen erschlossen, sondern das Produkt ab Werk bis zum Käufer besser begleitet werden. Zu vermeiden ist jeder Verlust an DNA in der Handelskette, wo einige Akteure, vom wirtschaftlichen Umfeld beeinflusst, geheiligte Werte über Bord zu werfen versucht sein könnten und sind.
Die neue Kreationslust erklärt sich auch dadurch, dass das Los der Branche vom Export abhängt. Auch wenn die oberen Segmente weniger betroffen sind, fordern der teure Franken und ständig steigende Rohstoffpreise, zum Beispiel für Gold, solche Vorstösse heraus. Unter diesen Umständen gewinnt die gedruckte Information ihren ganzen Wert zurück.
Unsere Magazine Heure Suisse, Heure Schweiz und JHS – Journal Suisse d’H orlogerie, die älteste Uhrenzeitschrift der Welt, bleiben greifbare Anhaltspunkte in einem immer schwammigeren Umfeld. Das Jahr der Schweizer Uhren bleibt ein Leuchtturm in einer schummrigen Landschaft, der beruhigend klare Zeichen setzt. Gerade heute, wo die Uhrenbranche die Nähe zu ihren Kunden sucht und Schwellenängste abbauen will.
Kein Wunder, dass immer mehr Uhrenmarken mit eigenen Schriften – Bücher, Newsletter oder Insidermagazine – an die Öffentlichkeit treten. Klappern gehört nun einmal zum Handwerk...
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Roland Ray Herausgeber
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Der Wiederaufschwung ist da, schön. Aber für wie lange?
Die Jahre wechseln und sind doch alle anders. Noch vor zwölf Monaten wurde gerätselt, welche Lehren aus einer Krise zu ziehen seien, die nicht nur die Finanzwelt, sondern auch die Realwirtschaft, allen voran die Uhrenindustrie, erschütterte. Man überbot sich an Verwünschungen der Zauberlehrlinge und Spekulanten, die das Desaster ausgelöst hatten. Das war auch durchaus berechtigt. Heute sind die Bösewichte bereits wieder aus der Versenkung aufgetaucht, treiben erneut ihr Unwesen auf den inanzmärkten, und die Trader fordern schon wieder Boni ein – etwas zurückhaltender immerhin, das sei eingeräumt. Mehr denn je gibt die Entkoppelung von spekulativen Träumen und Realwirtschaft zu Besorgnis Anlass.
Was ist davon im Bereich der Uhrenindustrie zu halten? Zunächst ist – laut FH-Statistik vom Oktober 2010 – festzustellen, dass die Branche zehn Monate ununterbrochenen Exportwachstums verzeichnen konnte. Darüber kann man sich nur freuen. Auch die drei grössten Schweizer Uhrenkonzerne vermelden imposante Ergebnisse gegenüber dem gleichen Zeitraum 2009. Allen voran die Swatch Group des verstorbenen Nicolas Hayek, die in einem halben Jahr mehr als drei Milliarden Franken umsetzte. Zum ersten Mal in seiner Geschichte fasst der Konzern ins Auge, bis Ende 2010 die 6-Milliarden-Marke zu übertreffen. Ähnliches lässt die Richemont-Gruppe verlauten, die sich im September über eine deutliche Umsatzsteigerung freuen konnte: von Januar bis Mai 37% Mehrumsatz im Durchschnitt aller Sparten, bei Uhren allein 40%. Auch LVMH, der weltweit führende Luxuskonzern, konnte in den ersten neun Jahren des Jahres 14% organisches Wachstum verzeichnen, bei Uhren und Schmuck sogar 29%.
Ein erfreuliches Gesamtbild also, aus dem aber nicht geschlossen werden darf, dass alle Schwierigkeiten endgültig vorüber sind. Die Wirklichkeit, wie wir an dieser Stelle immer wieder betont haben, sieht viel differenzierter aus. Statistiken sagen nichts über all jene aus, die am Ende der Produktionskette – Vertrags- und sonstige Lieferanten – am meisten unter dem zerschlagenen Porzellan zu leiden hatten. Viele von ihnen mussten das Handtuch werfen oder überleben heute am Rande des Existenzminimums. Vor allem aber darf der Wiederaufschwung, wenn er sich denn im Sinne der aktuellen Zahlen fortsetzt, nicht in Exzesse ausarten, die eine Wiederholung des jüngsten Szenarios herbeiführen würden. Auch darf der Nachfragedruck auf keinen Fall zu einem gnadenlosen Krieg zwischen Marken führen, die sich unbedingt die Dienste derjenigen Lieferanten sichern wollen, die der Krise standgehalten haben. Wünschenswert wäre vielmehr ein massvolles Wachstum auf längere Sicht. Dürfen wir darauf hoffen? Wohl kaum, denn in der Welt des Luxus sind die wirtschaftlichen und finanziellen Interessen zu gewichtig, als dass man von ihren Exponenten einen kühlen Kopf erwarten dürfte. Man kann schliesslich von einer Krabbe auch nicht verlangen, geradeaus zu laufen… Die nächste Krise ist bereits vorprogrammiert.
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Thierry Brandt Chefredaktor
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Ziffern richtig und verkehrt...
Volltreffer, mitten ins Herz! Hocherfreut nimmt der Uhrmacher Ludovic Ballouard seinen Prix Spécial du Jury am Wettbewerb Montre de l’A nnée / Uhr des Jahres, ausgeschrieben vom Verlag Ringier, entgegen. In seiner kurzen Ansprache – der ersten, wie er bekennt – verkündet er vor dem Fachpublikum eine Weisheit, die zum Nachdenken anregt, etwa «erst verkehrte Ziffern zeigen uns, wie wichtig richtige Ziffern, insbesondere für die Zeitanzeige,sind». Damit spielte er auf das Zifferblatt seiner Upside Down Number One an, ein wahres Konzentrat komplizierter, aber auch poetisch verspielter Uhrmacherei, gepaart mit einem unverschnörkelten Zifferblatt, geeignet, auch das Herz klassisch gesinnter Sammler höher schlagen zu lassen. Mit einem einzigen Zeiger für die Minuten, denn jede verkehrte Stundenziffer nimmt zu gegebener Zeit wieder ihre Normalstellung ein. Diese mechanische Umkehrung bezieht ihre Energie aus der gleichen Quelle wie das Werk – eine tolle Leistung.
Doch rein physikalische Leistungen sind nicht alles. Mit etwas Phantasie gewinnt die Äusserung von Ludovic Ballouard auch eine philosophische Dimension. Vor allem dann, wenn man endlich eine schwierige Zeit hinter sich gebracht hat, eine Zeit der Umverteilung , der Neugewichtung aller Dinge. Die Parabel gilt: Wer heute richtig arbeitet, findet sich in der Minderzahl. Auch im Alltag soll besser als nötig gearbeitet werden, wie es in der guten alten Uhrmacherei üblich war. So entsteht, wie immer, ein krasser Gegensatz zwischen denen, die anstandslos ihre Pflicht erfüllen, und jenen, die schummeln, mogeln, dem maximalen Gewinn nachjagen und die, wenn sich das Blatt wendet, anderen die Schuld zuschieben. So ist das Leben: Die Pflichtbewussten gehen möglicherweise unter, während die Schlaumeier, wenigstens auf kurze Sicht, als Sieger dastehen.
Die Uhrmacherei hat in ihrer langen Geschichte schon viele Krisen überstanden. Ihr Schutzengel war schon immer das Personal auf allen Stufen, das für ihre unveräusserlichen Werte vorbehaltlos eintritt. Natürlich musste sie sich schon immer aller möglichen Hochstapler und Opportunisten erwehren. Heute, wo diese ihr Rückgrat wieder aufrichten, sollten jene, die sich nie verbogen haben, so sie denn noch auf dem Markt sind, als Vorbilder beglückwünscht werden. Wenn möglich noch bevor die schlechten Gewohnheiten wieder die Oberhand gewinnen und die Zahlen erneut in die falsche Richtung umkippen...
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Joël A. Grandjean Chefredaktor JSH – Journal Suisse d’Horlogerie
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